01: Mitten unter uns

MItten unter uns-2-DatencheckOKMitten unter uns

Kurzgeschichten von Ute Winkler

  • Das besondere Picknick
  • Schicksal
  • Verpasste Chance?
  • Wiedersehen

ISBN 978-3-942024-00-6

November 2009

Leseprobe:

Wiedersehen

Der Tisch ist gedeckt. Das Mittagessen ist fast fertig. In einer Stunde kommt unser Besuch. Heinz, mein Mann, hat sich noch kurz ins Arbeitszimmer zurückgezogen. Ganz wohl ist ihm nicht, dass unser Gast gleich ankommen wird. Ich kann ihn verstehen, und doch freue ich mich auf Maria. Die beiden kennen sich schon seit der Sandkastenzeit. Obwohl? Eigentlich ist das gar nicht richtig. Maria lernten wir zusammen vor einem Jahr kennen.

 Wir hatten einen warmen Spätsommer und waren gerade erst in unser neues Haus gezogen. An den freien Abenden erkundeten wir mit den Rädern unsere Umgebung. Die Hauptstraßen kannten wir alle, so dass wir an dem bewussten Samstagabend in eine kleine Seitengasse abbogen. Der Sandweg führte in ein Wäldchen. Inmitten der bunten Blätter und den zwitschernden Vögeln verloren wir jedes Zeitgefühl – und unseren Orientierungssinn. Die Dunkelheit überraschte uns. Mit unseren kleinen Fahrradlampen konnten wir den Weg kaum erkennen. Ratlos sah Heinz mich an. Ich zuckte mit den Schultern. Wir beschlossen, die Räder zu schieben, und hofften, eine größere Straße oder ein Haus zu finden.

 Ich weiß nicht mehr, wie lange ich einfach mein Fahrrad hinter Heinz her schob. Plötzlich stoppte er. „Johanna, sieh doch. Dort vorn ist Licht.“ Wir trauten unseren Augen nicht. Müde lächelte ich ihm zu. Das Licht gehörte zu einem kleinen Häuschen, das versteckt am Waldrand lag. Hätten wir nicht Hilfe gesucht, wären wir, ohne es zu bemerken, vorbei gegangen.

Heinz stellte sein Fahrrad ab und ging klingeln. Ich wartete auf der Straße. Nichts könnte mich dazu bewegen, ein fremdes Grundstück zu betreten. Es sei denn, es steht hundertprozentig fest, dass die Besitzer keinen Hund haben. Angespannt wartete ich auf das drohende Gekläffe. Doch es blieb leise. Eine Frau ließ Heinz hinein.  Ich fror. Endlich kam Heinz wieder. Er bat mich, mit hineinzukommen. Gern nahm ich das Angebot an. Von einem Hund war nichts zu sehen oder zu hören. Dafür fielen mir im Flurlicht Heinz hektische rote Flecken am Hals auf. Was hatte ihn denn so in Verlegenheit gebracht? Doch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, kam eine blonde sportliche Frau auf uns zu.

„Guten Abend! Ich bin Maria. Kommen Sie doch herein! Der Tee ist gleich fertig.“ Ohne Umschweife führte sie mich in die Küche. Ihr langer Pullover war bestimmt selbst gestrickt. Das tiefe Dunkelblau passte hervorragend zu ihren meerblauen Augen. Sie drehte sich nur kurz zu Heinz um. „Im Wohnzimmer steht ein Telefon, Heinz. Ruf euch doch ein Taxi. Die Fahrräder könnt ihr gern hier stehen lassen.“ Damit ließ sie meinen Mann stehen und kam in die Küche. Kannten sich die beiden?

 ….