03: Menschen wie Du

Menschen wie DuMenschen wie Du

Kurzgeschichten von Brigitte Meertens

  • Ein Himmelszeichen
  • Angst klopft an die Tür
  • Ein Brief aus der Vergangenheit
  • Die Verhaltensforscherin

ISBN 978-3-942024-02-0

November 2009

Leseprobe:

Ein Brief aus der Vergangenheit

Sybille hielt den Brief in der Hand und ihr Blick haftete an dem Namen des Absenders. „Sybille Winters“, murmelte sie und ging in die Küche. Vom Tisch nahm sie ihre Lesebrille und setzte diese auf die Nase. Sie las noch einmal den Namen. Es ist wirklich der Nachname, den sie einst zu tragen gehofft hatte. Sie spürte einen Stich in der Herzgegend. Wollte jemand sie zum Narren halten oder verletzen?

Ihre Gedanken wanderten in die Vergangenheit. In die Zeit, als sie viele Nächte ohne Schlaf verbracht hatte. Oft war sie erst in der Morgendämmerung eingenickt, um plötzlich aus dem Traum aufzuschrecken. Ralf Winter, ihre große Liebe, kam eines Tages von der Arbeit nicht mehr zu ihr zurück. An dem 21. Juni vor dreiundzwanzig Jahren hatte sie seine Lieblingsspeise gekocht, den Tisch festlich geschmückt und das Überraschungsfoto unter seine Serviette gelegt. Im Anschluss hatte sie das rote Kleid angezogen, das Ralf so gerne mochte.

Sie wartete, eine Stunde, zwei Stunden. Aber er war nicht gekommen. Nach drei Stunden rief sie in seiner Firma an, aber niemand hob den Hörer ab. Einige Tage darauf stellte Sybille bei der Polizei eine Vermissten Anzeige. Er hatte nichts von seinen Habseligkeiten mitgenommen und ihr auch keine Nachricht hinterlassen. Viele Fragen quälten sie. Aber sie fand keine Antwort.Sie hörte damals die schadenfrohen Geschichten über Männer, die nur mal kurz zum Zigaretten holen das Haus verließen und es nie wieder betraten. Sie konnte sich nicht erklären, weshalb Ralf sie verlassen hatte. Eines Tages war sie zu der Erkenntnis gekommen, dass das Leben weiter gehen musste. Sie wollte nach vorne schauen, wenn es ihr auch schwer fiel. Immerhin brauchte das Kind, das in ihrem Bauch heranwuchs, ihre Liebe und Fürsorge. Sie zog ihren Sohn allein auf und arbeitete dar-über hinaus in ihrem Beruf als Lehrerin. Den Männern vertraute sie nicht mehr.

Jetzt dieser Brief, der alles aufwühlte. „Ach, was soll’s, ich werfe ihn weg“, dachte Sybille. War es Wut oder Angst, etwas zu erfahren, was sie schmerzen würde? Doch ihre Neugierde war stärker…