02: Dunkle Geschichten

Dunkle GeschichtenDunkle Geschichten

Kurzgeschichten von Elke Marisa Leiverkus

  • Die Wölfin
  • Zerstört
  • Das Mädchen mit den traurigen Augen

ISBN 978-3-942024-01-3

Dezember 2009

Leseprobe:

Die Wölfin

Grelle Blitze zuckten wie ein Fegefeuer durch die tiefschwarze Nacht. Schweres, drohendes Donnern ließ den schneebedeckten Waldboden beben, als ahnte er, dass sich bald auf ihm etwas Grausames ereignen würde. Die dunklen Tannenbäume neigten sich stumm vor dieser Urgewalt. Hilflos, dem prasselnden und alles vernichtenden Schneesturm ausgesetzt, umklammerte das zitternde Mädchen einen Baumstamm, in der Hoffnung, Schutz und Hilfe zu finden. Angst vor der unheimlichen Dunkelheit und dem Heulen der Wölfe, das immer näher kam, brachte es zum Weinen.

Ihr Verfolger ließ seine Taschenlampe suchend durch die dicht gedrängten Bäume leuchten. Sein lauter und keuchender Atem übertönte das Donnern, als er fast vor ihr stand. Er konnte ihre Angst riechen und ein grausames Lächeln umspielte seinen harten, schmalen Mund. Seine Taschenlampe wanderte von den zitternden Beinen des Mädchens über ihren Körper, erhellte das Kleid, das bei ihrer Flucht aus dem Auto zerrissen war. Das Licht glitt hoch zu ihrem nassen Gesicht, dessen Schönheit selbst der Schneeregen und die Angst nicht zerstören konnten. Seine Stimme klang herrisch und gemein, als er auf das wimmernde Mädchen einschrie: „Glaubst du, ich habe dich kostenlos all die Kilometer mit genommen? Wenn du als Anhalterin in ein fremdes Auto einsteigst, musst du damit rechnen, auch zu bezahlen. Wenn ich mit dir fertig bin, wird dich keiner mehr erkennen. Wenn ich dich überhaupt am Leben lasse. Erst stundenlang in meinem Auto mitfahren und dann die Fromme spielen. So geht das nicht. Du wirst mir nicht den Spaß verderben. Ich will dich haben, und zwar hier und sofort.“ Sein vor Gier verzogenes Narbengesicht, das einer grausamen Fratze glich, kam dem des Mädchens beängstigend nahe.Mit einem brutalen Griff wollte er das schluchzende Mädchen aus der Obhut des Baumes reißen, als sein Arm wie von einem Blitz getroffen herab sank. Vor Schmerz und Entsetzen starrte er auf das Monster, das sich in den Muskel seines Armes festgebissen hatte. Verzweifelt versuchte er, den riesigen, grauen Körper einer Wölfin abzuschütteln, die nun versuchte, seine Kehle zu zerreißen.