09: Illusionen

Band 9 - IllusionenIllusionen

Kurzgeschichten von Anne Kuhlmeyer

  • Steingebunden
  • Das Ende einer knappenStunde
  • Das Oblomow-Syndrom der Heimatlosen
  • Die Süße des Wassers

ISBN 978-3-942024-08-2

Juni 2010

Leseprobe:

Das Ende einer knappen Stunde

Es war sinnlos. Da konnte sie sich in ihrem Kostümchen und mit diesem Lächeln, randvoll mit Verständnis und Mitgefühl, hinter ihrem Schreibtisch verschanzen, wie sie wollte, die Frau Dr. Helena. Bevor ich mein Leben vor ihr ausbreitete, hatte ich wissen wollen, was das „H“ in Dr. psych. H. Lenzberg bedeutete. Seitdem nannte ich sie insgeheim beim Vornamen. Bis heute. Ab heute nicht mehr, nie mehr.

„Was wollen Sie heute tun?“ Sie lächelte weiter. Ich fragte mich, wer seine Tochter Helena nannte und was in ihrem Leben schief gelaufen war. Ihre Finger nestelten am Brillenetui. Ich schwieg. Ihr Lächeln fror ein. „Sie müssen nicht reden, wenn Sie nicht wollen.“

Ich nickte. Sie konnte das hervorragend. Wenn ich nichts sagte, sagte sie auch nichts. Da war sie zäh. Wir hatten das schon stundenlang gemacht. Das brachte natürlich nichts, außer dass die Zeit verging und ich wieder eine Stunde los war. Irgendwo hatte ich gelesen, dass man sich durch Schweigen auf das Eigentliche besänne. Anschließend käme man auf die tollsten Ideen, würde endlich kapieren, warum es einem so Scheiße ging und würde ab dann  glücklich und zufrieden leben. Nein, glücklich stand da nicht. Das habe ich erfunden.

Ich sah auf die Uhr. Fünf Minuten waren vergangen. Fünf von fünfzig. Sie schaffte es fast immer, in Minute sechsundvierzig die Kurve zu kriegen. Fast immer. Einmal hatte ich ihr gesagt, ich bringe mich um. Da hatte sie aufgehört zu lächeln und es hatte etwas länger gedauert. In der dreiundfünfzigsten Minute hatte sie vorgeschlagen, mich zwangsweise in eine Klinik einzuweisen. Daraufhin sagte ich ihr, ich hätte sie verarscht, und sie hat mich unterschreiben lassen, dass ich mich nicht umbringe. Hab ich dann auch nicht. Aber wozu?

„Es war eine Scheiß Woche.“ Ich wollte sie nicht ärgern, nicht heute, nicht an so einem besonderen Tag. Und sie freute sich, denn sofort lächelte sie wieder und fragte: „Weshalb?“