08: Männer im Leben

Maenner im Leben_TitelMänner im Leben

Kurzgeschichten von Karsten Judas

  • Senfglas Boogie
  • Dicker und ich
  • Die Versöhnung
  • Grenzfluss
  • Zwei Männer

ISBN 978-3-942024-07-5

Juni 2010

Leseprobe:

Dicker und ich

Dicker fuhr. Ich saß hinten. Der Typ auf dem Beifahrersitz stank nach Bier. Mit dem arbeitete Dicker jetzt. Die Firma hatte ihn für mich einstellen müssen. Die beiden gingen öfter einen trinken, wie ich hörte. Genau wie Dicker und ich früher. Für den Typ war ich ein Krüppel, mehr nicht.

Seit dem Unfall sagte ich nicht mehr Dicker zu ihm, sondern Olaf. Sonst riefen ihn nur noch seine Eltern beim Namen, glaube ich. Ich konnte ihn nicht mehr so nennen, seit er mich im Krankenhaus besucht hatte. Da hatte er plötzlich gesagt: „Wenn ich nicht so fett wäre, hätte ich Marion auch noch aus dem Auto bekommen!“ Meine beiden Zimmergenossen hatten zusammen sechs oder sieben Besucher, den Stimmen nach zu urteilen. Es war sofort still. Dicker rannte raus. Und dann sagte eine Frau: „Ihr Freund hat ja plötzlich geweint.“ – „Weil er zufällig hinter uns fuhr …“ Weiter kam ich nicht; und von da an flüsterten alle nur noch miteinander. Viel später sagte ich: „Er hat mich aus dem brennenden Auto geholt. Aber an Marion kam er nicht ran, weil die Kiste auf der Seite lag. Er ist trotzdem ein Held, nicht?“ Aber meine Zimmergenossen schliefen schon und fingen an zu schnarchen. Ich sagte dennoch: „Er denkt, er hätte Marion im Stich gelassen.“ Olaf würde für mich immer Dicker bleiben.

 Der Typ sagte: „Scheiße, wie lange brauchen wir denn noch?“ Und hieb irgendwo gegen.

„Gleich, gleich …“

Ich sah Dickers Gesicht vor mir: So hatte er schon geguckt, als er in Mathe die Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Ich sagte: „Wir müssen doch längst raus sein aus der Stadt.“ „Junge, Junge“, meinte der Typ, „ein echter Blitzmerker!“ Vor dem Unfall hätte ich ihn sofort in den Schwitzkasten genommen. Jetzt mochte ich nicht mal was sagen. „Sag mal“, rief Dicker nach hinten, „wie läuft’s denn mit… Wie heißt sie? Frau Schwertfeger?“

„Wir sind gestern wieder Straßenbahn gefahren. Und sie sagte: Heute halte ich mich zurück, wo Sie schon so gut zurechtkommen, aber ich halte mich sprungbereit für den Notfall, Sie brauchen keine Angst zu haben.“

Wir wurden langsamer.

….