07: Weite Welten

Band 7 - Weite Welten_TitelWeite Welten

Kurzgeschichten von Thomas Tippner

  • Der Wandersmann
  • Des Weltenlohn
  • Hexenliebe

ISBN 978-3-942024-06-8

April 2010

Leseprobe:

Der Weltenlohn

In weiß gekleidet, unter der Last des Schnees gebeugt, standen die hoch aufragenden Tannen wie versteckt da. Zwischen ihren dünnen, harzigen Stämmen waberte der weiche Nebel, der durch das aus den dicht am Himmel entlang wandernden Wolkenmassen brechende Sonnenlicht zart verging. Einzelne, weiche Kondensstreifen verloren sich zwischen den schneebedeckten Nadelästen und hingen dort wie verlorene Gedanken, die noch nicht gedacht worden waren. Und dort, wo die Lichtung des Nadelwaldes sich kreisrund erschloss und in ein langsam sich auftürmendes, ebenfalls vom Winter erfasstes Gebirge überging, standen die kleinen Hütten eng aneinander gebaut. Beinah ängstlich aufeinander zugeschoben, ganz so wie eine in die Enge getriebene Herde Rinder, die ängstlich witternd die Köpfe hoben und nervös lauschten, von wo die Jäger kamen.

 Kräuselnd, von dem leichten Windhauch erfasst, der kalt und eisig aus den Bergen auf die Lichtung wehte, zerfaserte der Rauch, der aus den Schornsteinen der Häuser aufstieg und einen weichen, harzigen Geruch mit sich trug. In einigen Fenstern, der langsam aufkommenden Dunkelheit trotzend, standen weiße, schimmernde Kerzen, deren weicher Lichtschein Schatten auseinander stieben ließ und ein sanftes Gefühl von Sicherheit verliehen. Alles war ruhig. Nur ein leises, aus einigen Hütten dringendes Murmeln war zu hören. Noch immer hingen über dem Wald dichte, schwere Wolken und ebenso wie das Licht der Kerzen verloren sich auch die Sonnenstrahlen des in den Hintergrund tretenden Tages, der soviel Kälte mit sich gebracht hatte, dass einige der hier lebenden Menschen fröstelnd und frierend vor die Türen getreten waren, um sich einige Scheite Holz zu holen, damit die dem noch schwach flackernden Feuern neue Nahrung geben konnten.

 Und eben hier, wo die Stille fühlbar war, der Duft von Gebäck in der Luft lag und die Menschen leise und friedlich miteinander redeten, in der aufkommenden Dunkelheit das leise Pochen einer zuschlagenden Axt zu hören war, schlich sich für einen kurzen Moment ein frostiger Gedanke. Ein Gedanke, der den im Wald stehenden Holzfäller erfasste, ihn kurz schaudern ließ und dazu brachte, die zum Schlag erhobene Axt zu senken und über die Schulter hinweg zu seiner am Rand des Dorfes stehende Hütte zu blicken. Obwohl er eine kleine, eiserne Öllampe bei sich trug, die sich wacker gegen die immer weiter vor kriechenden Schatten der beginnenden Nacht stemmte, war es ihm, als ob an eben diesem Abend etwas Verkehrtes lag.

Hätte nicht jetzt, als er mit dem Fällen des Baumes begann, das leise Klimpern eines schüchtern wirkenden Glockenspiels erklingen müssen? Wo blieb das leise Schnauben der Rentiere? Der Holzfäller lauschte. Alles war ruhig. Kein Laut zerschnitt die Stille des Heiligabends. Noch immer stand der Holzfäller da. Ruhig und besonnen. Konnte es sein, dass er sich möglicherweise in der Stunde geirrt hatte?  Möglich, wie er sich selbst eingestand, während er gen Himmel schaute und die immer bleicher werdenden Sonnenstrahlen betrachtete, die sich gänzlich zurückzogen. Schließlich hatte es in den letzten drei Tagen unaufhörlich geschneit und auch jetzt roch er förmlich, wie sich neue Schneeberge daran machten, über ihn und sein Dorf hereinzubrechen. Und so, wie er nun dastand, sich konzentrierte und einen inneren Monolog mit sich hielt, hörte er das leise zu ihm wehende Knacken eines zerbrechenden Astes.