06: Schattenseiten

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Kurzgeschichten von Ute Winkler

  • Lebenslänglich
  • 367 Tage
  • Irrsinn
  • Nur noch ein paar Kilometer

ISBN 978-3-942024-05-1

März 2010

Leseprobe:

Lebenslänglich

 Kommissar Heinz Müller stapfte die Stufen zum Büro hinauf. In der einen Hand knüllte er die Leipziger Volkszeitung zusammen. Mit der anderen Hand balancierte er einen vollen Becher mit dampfendem Kaffee. Er stieß die Tür auf. „Morgen, Fritz!“ Sein Kollege sah nur kurz auf und Kommissar Heinz Müller zuckte zusammen. Die roten Flecken am Hals kombiniert mit den wütenden Augen konnte nur eines heißes – er hatte auch schon die Zeitung gelesen. Es war wieder ein Kind missbraucht, ermordet worden.

Und sie kannten beide den Täter!

Kommissar Heinz Müller holte kurz Luft und stellte die gefürchtete Frage: „Wer?“

 „Ferner. Ganz eindeutig seine Handschrift! Er ist vor zwei Wochen rausgekommen, wegen guter Führung. Verdammt! Sie haben uns noch nicht einmal informiert!“ Fritz schluckte. „Sie war noch so klein… neun Jahre … ganz nackt war sie … nur hundert Meter von ihrem Elternhaus haben sie Jenny gefunden.“ Mit feuchten Augen fegte Fritz die Akten vom Tisch und schrie: „Verdammt! Warum fassen wir erst die Kerle, wenn sie doch wieder freigelassen werden! Wann lernen die Psychologen und Gerichte dazu! Man sollte sie verklagen!“

 „Fritz!“, fuhr Kommissar Müller dazwischen.

 „Ich brauche frische Luft.“ Fritz stob nach draußen.

 Kommissar Müller konnte ihn nur zu gut verstehen. Wie oft wollte er schon seinen Job aufgeben, weil die Verbrecher immer wieder frei kamen. Resozialisierung nannten sie es. Er sammelte die Akten zusammen und rief sich die Einzelheiten an Ferner in Erinnerung. Vor drei Jahren hatte Ferner das letzte Mal ein Mädchen vergewaltigt. Er 16, sie 13 Jahre alt. Die Augen des Mädchens hatte er nie vergessen. Wie hieß sie noch? Sandy? Ja, Sandy Neumann! Ferner bekam fünf Jahre Jugendstrafe, wegen der Brutalität. Nach dem Urteil sah Sandy ihn – den Kommissar – anklagend an. Es war eine lächerliche Strafe. Müller dachte genauso, doch er machte die Strafen nicht. Wo mag Ferner jetzt sein? Sie mussten ihn schnell finden, bevor er das nächste Opfer, das nächste unschuldige Kind, holte.

 Mit einem lauten Knall flog die Tür auf. Kommissar Müller fuhr mit seinem Stuhl entsetzt zurück. Wie eine Furie stürmte eine junge Frau ins Zimmer und schrie: „Sie haben es versprochen! Ich habe Ihnen doch gesagt, sie dürfen ihn nicht freilassen. Jetzt hat er Jenny ermordet. Er war es!!“