25: Niemals oder für immer

Niemals oder für immer

Kurzgeschichten aus dem Reich der Vampire von Ele Otto

Bloody Mary
Klassentreffen
Niemals oder für immer

ISBN 978-3-942024-26-6
Juli 2013

Leseprobe:

Auszug aus der Kurzgeschichte: Niemals oder für immer

… »Was sind das da für kleine Häuser?«, hatte Lily ge fragt und das Näschen an der Scheibe plattgedrückt.  »Das sind die Wohnungen der Toten!«, hatte einer der Jungs der Vermieterin dramatisch geflüstert, wofür er sich eine Kopfnuss von seiner Mutter einfing. Aber da war es schon zu spät und Lily hatte mit großen Augen gebannt hinuntergestarrt. Als die Mutter kurz draußen war, um noch die Kellerschlüssel zur Übergabe zu holen, fügte sein nur wenig älterer Bruder, an Anna gewandt, mit großer Ernsthaftigkeit hinzu: »Auf dem Friedhof geht einer um, der saugt Leute aus. Der ist groß und stark und hat so ganz altmodische Sachen an und ganz dolle spitze Zähne und ist aber schön wie ein Prinz, deshalb laufen sie alle nicht rechtzeitig weg, und dann sind sie tot! Sie müssen da aufpassen, wenn Sie dort spazieren gehen!« »Ja«, nickte der kleinere Junge, »und spielen darf man auch nicht mit den Kindern dort, die beißen auch!« Anna hatte säuerlich gelächelt und versichert, dass sie dort auf keinen Fall spazieren gehen würde. Sie drückte Lily, die mit offenem Mündchen zugehört hatte, zur Ablenkung schnell ihre neue Barbiepuppe in die Hand. »Also, nun reicht’s aber, Jungs!« Die gerade zurückgekehrte Vermieterin schwenkte drohend den Arm und die Schlüssel klimperten laut. »Geht raus spielen, dallidalli!« Und zu Anna gewandt: »Das haben sie von ihrem Opa, das erzählte man sich hier früher so, dass seit Jahrhunderten dort einer umgeht – ist ja klar, dass es auf so einem alten Friedhof angeblich spuken muss! Nehmen Sie das bloß nicht so ernst. Genießen Sie lieber die Aussicht, ist ja wie ein Kurpark da unten! Da gehen viele spazieren und finden’s höchstens romantisch!« Zweifelnd hatte Anna sich vorgebeugt und das riesige grüne Areal betrachtet – als sie den Mietvertrag unterschrieben hatte, war ihr die Sache mit dem Friedhof nicht so unangenehm erschienen, wie heute am Tag des Einzugs. Sie würde sich mit der Aussicht erst noch anfreunden müssen, in mehrerlei Hinsicht. Kurz darauf hatte sich die Vermieterin ganz verabschiedet und Anna mit all ihren Umzugskisten und im Weg stehenden Möbeln alleine gelassen. Nachmittags waren Freunde gekommen, hatten beim Auspacken und Schränke schieben geholfen, und dann, kurz vor Abend – war Lily weg, untergetaucht im Umzugsgewusel, verschwunden wie ein kleines trauriges Gespenst. Die herbeigeholte Vermieterin bot sich an, den ganzen Hauskomplex und alle Dachböden zu durchsuchen; Annas Freunde wollten die umliegenden Straßen ablaufen. Anna selbst durchstöberte die verzweigten, ineinander übergehenden Keller der Mietanlage – und entdeckte dabei, dass ihr Haus einen Hinterausgang besaß, der auf einen winzigen Hinterhof führte. Dort fiel ihr sofort die halbverfallene Holztür an der Grenzmauer ins Auge, die direkt auf diesen Parkfriedhof führen musste. Ein Loch in der Tür war groß genug für ein kleines Mädchen, das seine Mutter vermisste. Anna hatte die losen Latten weggerissen und sich hindurchgezwängt. Dass der Friedhof so unüberschaubar war, das hatte sie sich jedoch nicht vorgestellt.

Und nun stand sie hier mutterseelenallein im Reich der Toten und wollte nichts anderes als weitersuchen …  in den Trümmern ihres alten Lebens vielleicht ebenso wie nach Lily. Ihr Handy war bisher stumm geblieben, also hatte noch niemand das Kind gefunden. Müde und frierend zog sie die feuchte Jacke enger um sich. Wenigstens der Regen hatte aufgehört und der Nachthimmel klarte langsam auf, sogar einzelne Sterne funkelten herab.
Anna ging den Friedhofspfad ein Stück weiter entlang, der im Bogen hinter einer Baumgruppe verschwand. Als sie die Bäume umlaufen hatte, öffnete sich vor ihr ein breiter Weg, an dem ein einzelnes prachtvolles Mausoleum stand. Der Wind hatte jetzt die Wolken vollends verjagt, und der volle Mond warf – wie in einer kosmischen Filminszenierung – seine kalten Strahlen auf das Bauwerk. Der blanke nasse Marmor des Totenhauses glänzte, und weiß leuchtete der Kieselsteinplatz davor auf. Und dort – Anna stockte der Atem, die Nackenhärchen stellten sich auf, eine Gänsehaut überzog ihren ganzen Körper –, dort hockte Lily, in ein Spiel vertieft, am Boden. Aber sie war nicht allein. Ein anderes kleines Mädchen kauerte neben ihr und beide Kinder beugten sich über etwas, was Anna auf die Entfernung für eine Puppe hielt.
Ihre Hand fuhr zum Mund und erstickte einen halb erleichterten, halb erschrockenen Ausruf. Was machte ein kleines Kind in der Nacht alleine hier? Und wenn es nicht alleine war – wo waren die Eltern? Sie stand erstarrt und beobachtete diese unwirkliche Szene. Dann atmete sie zitternd durch und ging vorsichtig, Schritt für Schritt näher. Vielleicht war dieses andere Kind auch eine kleine Ausreißerin. Es sah nicht wirklich verwahrlost aber, aber sein Kleidchen und die Schnürstiefelchen schienen uralt …“

(Auszug aus der Kurzgeschichte „Niemals oder für immer“)