20: Gestrandet

Gestrandet

Kurzgeschichte von Ulrike Stienen-Hoffmann

ISBN 978-3-942024-19-8

Mai 2012

Leseprobe:

Gestrandet

Jan betritt andächtig seine Jacht „Clara“. Endlich hat er sie wieder. Fast zärtlich streichelt seine sonnengebräunte Hand über das Steuerrad. Vor einer Woche hatte er die Nachricht erhalten, dass sein gestohlenes Schiff im Süden Indiens von der Polizei sichergestellt wurde. Mit einem Fischkutter trat er die Reise von Sri Lanka nach Madras an und musste dafür die Fracht mit auf- und abladen. Von dort aus ging es in sengend heißer Sonne auf der Rampe eines völlig verrosteten Lasters mit stinkendem Hühnervieh weiter zum Hafen von Mangalore.

Jan ist auf der einen Seite glücklich, dass er sein Boot zurückbekommen hat, weil er nun seine Weltumsegelung fortsetzen kann, auf der anderen Seite fehlen ihm die finanziellen Mittel. Alle Wertgegenstände wie Bargeld, Funkgerät und Radio sind gestohlen worden. Sein Stolz verbietet es ihm, seine Zwillingsschwester Mara um das nötige Geld zu bitten. Sie hat in der Deutschen Schule in Colombo eine Lehrerstelle angenommen. Jan ist froh, dass sie ihr Glück mit dem einheimischen jungen Mann Ravi gefunden hat. Er kann es sich kaum verzeihen, Mara und auch seinen Eltern so viel Sorgen bereitet zu haben. Wie müssen sie gelitten haben, als sie vor einigen Wochen vom deutschen Botschafter erfuhren, dass zwar die „Clara“ gefunden worden war, aber jede Spur von Jan fehlte?
„Wenigstens hat Mara aufgrund ihres spontanen Entschlusses, mich auf Sri Lanka zu suchen, ihre große Liebe gefunden“, tröstet sich Jan. Seine Gedanken kehren zu den aktuellen Problemen zurück.

„Wie soll ich ohne Funkgerät meine Weltumsegelung fortsetzen?“, hatte der Ratlose von der Hafenpolizei wissen wollen. „Ich habe kein Geld, um ein neues anzuschaffen.“
„Es geht doch auch ohne“, war die lapidare und wenig hilfreiche Antwort.
So steht Jan allein auf seiner Jacht, die zwischen riesigen, bedrohlich wirkenden Frachtschiffen wie eine Nussschale anmutet.

„Hier kann ich auf keinen Fall weiter ankern. Ich muss an einen Ort, wo sich Touristen aufhalten“, redet er sich Mut zu. Er studiert die Seekarten, die sich glücklicherweise noch im Kasten unter der Sitzbank befinden, und beschließt, erst einmal nach Süden zu segeln. Dort kann er versuchen, als Skipper einen Törn anzubieten, um auf diese Weise seine Geldsorgen in den Griff zu bekommen.

„Endlich wieder Wind um die Nase…