19: Die Häkeltante

Die Häkeltante

Kurzgeschichte von Gisela Garnschröder

Die Häkeltante
Der Bankraub von Hillesheim
Zerstörte Idylle
Das Ultimatum

ISBN  978-3-942024-18-1

Mai 2012

Leseprobe:

Der Bankraub von Hillesheim (Auszug)

Er radelte, was die Beine hergaben, nahm mit Schwung die letzte Kurve, sprang ab und verschwand durch den Kellereingang. Keuchend stellte er das Rad an seinen Platz, verschloss die Tür und nahm, noch immer außer Atem, im Galopp die Treppe zur Wohnung hinauf. Oben warf er den Rucksack auf die Couch und entledigte sich des Helms und seiner durchgeschwitzten Sachen. Er duschte lange und gründlich; erst danach, nur mit Shirt und Unterhose bekleidet, griff er erleichtert nach dem Rucksack. Die Tüte mit dem Geld war noch da.

Magdalena war bei einer Freundin, und er ganz allein in der Wohnung. Sorgfältig verschloss er die Zimmertür und begann, erst dann auszupacken. Fünfhunderter, Zweihunderter, Hunderter, Fünfziger, Zwanziger, Zehner und Fünfer. Insgesamt Hundertsiebzigtausend Euro.
Er lächelte. Es hatte geklappt. Und wie! Die dumme Pute von der Volksbank hatte gezittert wie Espenlaub und mit Tränen in den Augen Päckchen um Päckchen in seine Tüte gepackt. Kaum eine Minute, schon war er wieder auf und davon. Die Polizei war ihm mit heulenden Sirenen entgegen gekommen, aber auf den einsamen Radler hatten sie nicht geachtet.

Er holte das vorgefertigte Päckchen aus dem Schrank und stellte es auf die Couch. Ein Postpaket, deklariert als Büchersendung. Schnell füllte er die Fächer mit den Scheinen und verstaute den Karton wieder im Kleiderschrank. Am nächsten Morgen stand es in der Zeitung.
„Überfall auf die Filiale der Volksbank Eifel Mitte in Hillesheim – Vermummter Radler schlug zu.“ Er überflog den Artikel, warf die Zeitung auf den Küchentisch, packte die Brote in seinen Rucksack und das Päckchen ebenfalls, gerade noch rechtzeitig, bevor Magdalena von der Arbeit zurück kam.

„Gestern am späten Nachmittag hat jemand die Volksbank an der Grabenstraße überfallen“, erklärte sie gähnend.
„Steht schon in der Zeitung“, antwortete er gleichmütig, gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange, schwang sich den Rucksack über und ging hinaus zu seinem Rad. Sein Weg führte durch die Grabenstraße direkt am Bankgebäude vorbei. Er lächelte triumphierend vor sich hin, niemand hier traute dem netten Justus Roth von der Versicherung einen Bankraub zu.

Die Arbeit im Büro zog sich endlos an diesem Tag. Sein Vertreter war plötzlich krank geworden, der Abteilungsleiter hatte schlechte Laune, und die Kunden gaben sich förmlich die Klinke in die Hand. Keine Zeit, das Päckchen wie geplant in der Pause im Postschließfach zu deponieren. Es war schon fast sieben Uhr, als er endlich Feierabend hatte, so machte er sich wie immer auf den Weg nach Hause. Magdalena hatte Abendbrot gemacht, und er aß zum letzten Mal von ihrem Braten. Ahnungslos plauderte sie über die Nachbarn, ihre Arbeit im Krankenhaus und den Einkauf im Supermarkt. Als sie um acht Uhr endlich die Wohnung verließ, sah sie ihn besorgt an:
„Du bist so still, Justus. Fühlst du dich nicht wohl?“
„Nur Kopfschmerzen“, wehrte er ab. Sie lächelte.
„Ich bringe Morgen früh Brötchen mit.“

Sie stieg auf ihr Rad und fuhr in die Dunkelheit hinein. Lange sah er ihr nach. Sie hatte sich verändert, da war nichts mehr geblieben von der unternehmungslustigen, jungen Frau, die er einst geheiratet hatte. Er würde sie nicht vermissen.
Kurz vor Mitternacht verließ er das Haus und fuhr mit dem Rad bis nach Weiermühle und weiter in Richtung Duppach. Als Junge hatte er die Sommerferien in Weiermühle bei seinem Großvater verbracht, seitdem kannte er sich dort gut aus. In einer alten Jagdhütte im Kammerwald wollte er den nächsten Tag verbringen und dann nach Belgien überwechseln. Er hatte sich eine Woche Urlaub genommen und Magdalena einen Zettel hingelegt, dass er zu seiner Mutter nach Bayern fahren wollte, also würde niemand nach ihm suchen.

Am Waldrand versteckte er sein Fahrrad in einer Bodensenke und kämpfte sich im Schein der Taschenlampe durch das Gebüsch. Er atmete hörbar auf, als er endlich bei der Hütte anlangte. Schnell hatte er ein loses Fenster aufgedrückt und war drinnen. Alles sah aus wie damals. Seine Taschenlampe zeigte ein ziemlich verstaubtes, altes Sofa, Tisch und Stuhl. Es wischte das Sofa ab, schlüpfte in seinen Schlafsack und fiel sofort in einen tiefen Schlaf.
Irgendetwas weckte ihn. Als er die Augen aufschlug, stand…