17: Verschollen

Verschollen

eine Kurzgeschichte von Ulrike Stienen-Hoffmann

ISBN 978-3-942024-16-7

März 2011

Leseprobe

Verschollen

 Die Boing 747 befindet sich im Landeanflug auf Colombo. Mara riskiert einen verängstigten Blick aus dem Fenster. Warum hat sie sich nur diesen Platz ausgesucht? Sie kann die Aussicht sowieso nicht genießen wegen ihrer Höhenangst. In der Mittelreihe wäre die Tortur sicher viel entspannter zu überstehen.
Im flimmernden Dunst der Mittagshitze tauchen endlich Häuser in der Ferne auf. Soll das Colombo sein, die Hauptstadt Sri Lankas? Kleine Schweißperlen suchen sich den Weg über Maras Stirn die geröteten Wangen hinab. Jetzt beugt sich zu ihrem Entsetzen der beleibte Nachbar über sie, um hinauszuschauen. Beißender Knoblauchgeruch nimmt der jungen Frau den Atem, und ihre Finger krallen sich ins Sitzpolster. Ohne gefragt zu haben, klärt der Koloss Mara auf. „Da drüben liegt Katunayake. Bis Colombo müssen wir noch eine Stunde mit dem Bus fahren. Mit welcher Reisegesellschaft sind Sie unterwegs?“
„Mit gar keiner“, ist die knappe Antwort. So hatte Mara sich ihren ersten Flug nicht vorgestellt. Diese unerträgliche Enge für ihre langen, schlanken Beine, um die sie ihre Freundin Irene immer beneidet, fordern nach elf Stunden Flugzeit ihren Tribut. In ihnen kribbelt es, als wären sie an eine Steckdose 
angeschlossen. Jetzt surrt es zu allem Überfluss in ihren Ohren, als würde die elektrische Markise über Großmutters Terrasse ausgerollt. Fachmännisch lässt der unförmige Körper über ihr verlauten: „Keine Sorge, junge Frau, das sind nur die Klappen. Sie werden während des Landeanfluges stufenweise herausgefahren.“
Allen Mut zusammennehmend bringt Mara, völlig unbeeindruckt von den Kenntnissen ihres Platznachbarn, mit erstickter Stimme hervor: „Bitte lassen Sie mich an meine Tasche“.
Endlich bewegt sich der massige Mann zurück in seinen Sitz, und Mara atmet tief durch. Schnell bückt sie sich hinunter, um mit einem zerknüllten Brief wieder ihre Sitzposition einzunehmen. Auf dem Umschlag ist der Absender der Deutschen Botschaft in Colombo zu lesen. Zum x-ten Mal faltet sie das Schreiben auseinander und bleibt an der Zeile hängen „Die Yacht Clara wurde führerlos auf einer Sandbank vor Galle gefunden. Von dem polizeilich ermittelten Eigentümer Jan Matern fehlt jede Spur.“