16: Sommerhitze

Sommerhitze

Kurzgeschichten von Brigitte Pons

Fledermäuse
Schwerelos

 ISBN: 978-3-942024-15-0

März 2011

Leseprobe:

Schwerelos

Fischerboote dümpeln irgendwo weit draußen. Von meinem Handtuch aus beobachte ich ihr schwankendes Auf und Ab. Wenige Meter entfernt erstreckt sich eine felsige Landzunge ins Meer, aber hier ist der Strand noch sandig und nur Muschelschalen ritzen unsere Fußsohlen. Über der Promenade flattern Falter in den trichterförmigen Lichtkegeln. Angelockt wie die Touristen von den Laternen, die die Bodegas, Fischrestaurants und Cocktailbars erleuchten. Touristen. Wir spucken das Wort aus wie glibberigen Seetang, spüren höchstens Verachtung. So wollen wir nicht sein und nicht werden. Niemals.
„Wie fühlt ihr euch?“, frage ich beiläufig und will doch alles andere als eine beiläufige Antwort hören. Tom und Mike hocken neben mir, unterhalb der gepflasterten Kinderwagenrennstrecke. Wir kauen sandige Weißbrote, dick belegt mit fettem Käse und würzigem spanischen Schinken. Die Rotweinflasche kreist. Keiner wischt zwischendurch den Flaschenhals ab, ehe er ansetzt. Wozu auch? Tom ist der Mann den ich liebe. Und Mike ist unser Freund, seit wir denken können. „Sagt was!“, fordere ich ungeduldig, weil keiner eine Antwort gibt, und werfe mit einem vertrockneten Seeigel nach Tom.
„Gut.“
„Gut? Ist nicht dein Ernst!“ Der Korken folgt dem Igel.
„Doch, sehr gut!“
„Supergut!“, bekräftigt Mike.
„Männer! Einen Scheiß wisst ihr vom Fühlen! Gut ist ein Gratiskaffee bei Ikea. Sehr gut ist ein sonniger Tag, wenn Regen vorhergesagt war und supergut ist … aber das hier ist doch viel mehr!“ Ich springe auf, drehe mich um mich selbst, mit ausgebreiteten Armen. „Ich fühl mich sonnenuntergangsrosarot. Ich fühl mich nacktummitternachtimmeerschwimmenblau!“
„Darfst du aber nicht.“
„Was?“
Mike grinst und schüttelt sich im Liegen Sand aus der Hose. „Nackt schwimmen ist hier verboten. Was mir ausgesprochen leid tut. Hätte ich gern gesehen.“
„Verboten! Und du glaubst, das interessiert mich? Du hast ja wohl gar nichts kapiert!“
„Doch“, beeilt er sich zu sagen. „Weil ich weiß, dass du dich scheißaufdasverboteneichmachdastrotzdem fühlst!“
Tom schmeißt mir den Korkstopfen zu. „Oh ja, mach doch, Süße! Soll sich erstmal jemand beschweren. Wir bestimmt nicht! Wir sind unbeschwert. Wir sind … schwerelos!“
„Schwerelos … und losgelassen!“, ergänzt Mike.

Jetzt haben beide das Spiel kapiert. Tom hebt die Flasche und prostet mir zu. „Losgelassen? Nein, losgezogen die Welt zu erobern, den Drachen zu bezwingen und die Prinzessin zu retten!“