15: Keines natürlichen Todes

Keines natürlichen Todes

Kurzgeschichten von Gitta Edelmann

Der Mann ihres Lebens
Colonia
Der Wunschbrunnen

ISBN 978-3-942024-14-3

März 2011

Leseprobe:

Der Wunschbrunnen 

 Der Stein klatschte ins Wasser und Anita fragte sich, wie irgendjemand nun ihren Wunsch lesen sollte. Der Zettel, den sie um den Stein gewickelt hatte, würde im Wasser sicher schnell aufweichen. Sie schüttelte den Kopf. Verrückt. Sie war wohl verrückt geworden. Wer glaubte heute noch an Wunschbrunnen! Doch irgendwie hatte sie es getan. Vielleicht, so hatte sie sich vorgestellt, holte ein Wohltäter die Wunschzettel vom Boden des Brunnens, um sie dann zu erfüllen. Mit Wasser hatte sie eigentlich nicht gerechnet.
Vorsichtig sah sie sich um. Niemand zu sehen. Das verwilderte Gelände hinter der alten Papierfabrik lag im morgendlichen Schönheitsschlaf. Nachmittags würden hier trotz aller Verbotsschilder Kinder spielen und gegen Abend würden verliebte Jugendliche ihre Wünsche in den Brunnen werfen. Bitte mach, dass Kevin mich küsst. Bitte mach, dass Sarah mich liebt.
Sicher war ihr Ansinnen sowieso die falsche Art von Wunsch. Sie musste die Sache selbst in die Hand nehmen. Die Sache, so war das nett umschrieben. Die Sache war ein Mord. Der Mord an Eduard Altmann, ihrem Chef. Ex-Chef, berichtigte sie sich. Über siebzehn Jahre war sie seine Sekretärin gewesen. Sie hatte ihm geholfen, die Firma aufzubauen. Sie hatte vor seiner Frau seine Affären gedeckt und immer hatte sie gehofft. Vor allem nach seiner Scheidung. Doch er hatte in ihr nur eine Arbeitskraft gesehen, die bereit war, kostenlose Überstunden zu machen, und nie um Gehaltserhöhung bat. Billig. Bequem.
Bis zur sogenannten Umstrukturierung. In seinem Vorzimmer saß plötzlich die blonde Sylvie. Und Anita wurde in die Buchhaltung abgeschoben. Dabei war sie dank ihres Friseurs schon seit Jahren ebenso blond. Überhaupt sah die Neue ihr ähnlich. Sie hätte ihre Schwester sein können. Oder noch eher – ihre Tochter.

Anita hasste die Buchhaltungsabteilung. Trocken und einsam. Aber nach ein paar Tagen war sie auf eine interessante kleine Ungereimtheit gestoßen. Es hatte noch ein paar Wochen und zahlreiche Überstunden gedauert, bis sie den groß angelegten Betrügereien und Unterschlagungen auf die Spur gekommen war. Triumphierend hatte sie in Altmanns Büro gesessen und ihren angestammten Vorzimmerstuhl als Gegenleistung für ihr Schweigen zurück verlangt. Gelacht hatte er. Gelacht. Und sie fristlos entlassen. Weil sie angeblich Geld aus der Portokasse gestohlen hatte. Portokasse – gab es so was heutzutage überhaupt noch? Auf jeden Fall nicht in der Firma Altmann. „Und wenn Sie glauben, Sie könnten mich jetzt anzeigen, werde ich das als Rachefeldzug darstellen, weil ich Sie auf frischer Tat erwischt hab!“, hatte er seelenruhig erklärt. „Da bin ich schon mit ganz anderen fertig geworden.“
Offiziell war sie dann doch „auf eigenen Wunsch“ gegangen und hatte auch ein gutes Arbeitszeugnis bekommen. Das hatte ihr bisher nur nichts genützt. Wer suchte heutzutage schon eine Endvierzigerin für sein Vorzimmer!

Anita kletterte über den halb niedergerissenen Zaun des alten Fabrikgeländes. Eine Idee kam ihr schon auf dem Weg nach Hause. Die Schlüssel zu Eduard Altmanns Haus. Sie hatte sich im letzten Jahr nach dem Wasserrohrbruch um die Handwerker gekümmert. Sie hatte die Schlüssel noch und konnte ihn jederzeit zuhause erwarten. Freitags zum Beispiel. Dann würde man ihn nicht vor Montag vermissen.