14: Späte Rache

Späte Rache

Kurzgeschichten von Karin Hackbart

Hast Du Schorsch gesehen?
Späte Rache
Eine letzte Liebe

ISBN 978-3-942024-13-6

2011

Leseprobe

Hast Du Schorsch gesehen?

„Hast du Schorsch gesehen“, fragte Klara vorsichtig einen Mann, der auf der Straße saß und eine Flasche Korn in seinen Rachen kippte.
„Hau ab, Alte, lass mich in Ruhe. Ich kenne deinen Schorsch nicht“, lallte er und wandte sich von ihr ab.
Klara spürte, dass sie ihn gestört hatte, und ging langsam weiter. Sie lief gebückt. Ihr Rücken hatte sich im Laufe der Jahre gebeugt unter der Last, die sie zu tragen hatte und die niemand sah. Sie führte nur einen dieser rollenden Koffer hinter sich her, mehr besaß sie nicht. Er hatte ebenfalls in den Jah-ren gelitten, da sie bei Wind und Wetter durch die Straßen irrte. Es war einer dieser Koffer, die Rollen an der Unterseite befestigt hatten, damit man sie besser hinter sich herziehen konnte. Eine dieser Rollen war verloren gegangen und so kippte der Koffer immer hin und her, wenn man ihn hinter sich her schleifte. Dabei machte er ein kratzendes Geräusch auf dem Asphalt. Klara hörte dieses Ge-räusch nicht mehr. Aber die Passanten der Straße, die ihr entgegenkamen, hörten es und sahen ihr nach. Sie zog diesen Koffer wie einen Hund hinter sich her, und er folgte ihr auch wie ein Hund. Er war alles, was sie hatte, ihr ganzes Hab und Gut befand sich in diesem Koffer. Sie hütete ihn wie
einen Augapfel, nahm ihn überall mit hin, wenn sie Schorsch suchte. Jetzt am Abend leerte sich die Fußgängerzone. Die Geschäfte schlossen. Die regennasse Straße glänzte und die Lichter der Laternen und Geschäften glitzerten wie Diamanten in den Pfützen.Wenn es doch nur Diamanten wären, dachte Klara. Dann könnte sie jemanden bezahlen, der Schorsch suchte. Aber es waren keine Diamanten. So musste sie Schorsch selber suchen. Der Regen durchnässte ihren hellen Mantel. Ihr graues Haar klebte an ihrem blassen, faltigen Gesicht, aber ihre kleinen hellen Augen wirkten wach und listig. Gleich würde es dunkel sein und sie hatte Schorsch noch nicht ge-funden. Vor einem der hellen Schaufenster blieb sie stehen und besah die Schaufensterpuppen und die schönen Kleider, die sie trugen.
So schön hatte sie auch einmal ausgesehen, als junges Mädchen. Sie hatte solche schönen Kleider getragen, war tanzen gegangen, hatte gelacht, getrunken, sich amüsiert.
Ja, damals war alles schöner und besser gewesen. Sehnsucht nach dem früheren, besseren Leben ergriff sie. Wehmütig ließ sie das Schaufenster hinter sich, lief weiter mit dem Koffer in die nächste Seitenstraße. Dort gab es eine kleine Kneipe. Die Tür stand offen und Musik aus der Box drang nach draußen. Laut und durchdringend.�
Schorsch war sicher da drinnen, dachte sie und ging durch die Tür.